Typ2020 - neue Wege für Jungs

Geschlechterklischees und klassische Rollenverteilungen passen nicht mehr zu modernen Gesellschafts- und Arbeitsformen. Im Jahr 2009 startete das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) den Wettbewerb Typ2020.

Gezielt ging es um "Mann sein" im Jahr 2020. Gefragt war die Sicht von Jungs und jungen Männern, die 2009 das 18. Lebensjahr noch nicht vollendetet hatten. Ziel der Neuauflage von typ2020.de ist es, diese gute Idee nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir stellen das Projekt Typ2020 noch einmal in seiner ursprünglichen Form in groben Zügen vor.

Interessierten öffnen wir ein Fenster in die Vergangenheit, damit sich aktuelle Nachwuchsgenerationen einen Eindruck verschaffen können. Außerdem leiten wir aus den Entwicklungen in der Zwischenzeit ab, wie Mann sein im Jahr 2020, voraussichtlich wirklich aussehen wird.

Das Leben bleibt nicht stehen. Stetiger Wandel, angefangen von der Ausrichtung der Partnerschaft zwischen Mann und Frau, eröffnet Chancen und stellt die Gesellschaft vor Herausforderungen. Spürbar ist der Einfluss des Wandels auf alle Bereiche des Lebens. Schon heute nicht zu übersehen ist der Wandel im Berufsleben und der Rollenverteilung.

Heranwachsende Männer auf den Wandel aufmerksam zu machen, zu neuen Lebensmodellen anzuregen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Typ2020 war Teil der Kampagne, heranwachsende Männer, als Wettbewerb organisiert, "wachzurütteln". Bundesweit unterstützt wurden Initiativen zur geschlechtsbezogenen Förderung von Jungs.

Die Finanzierung des Projektes stellten das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Mittel des Europäischen Sozialfonds sicher. Als Hauptpreis winkte den Teilnehmern eine Reise in das Abenteuer-Camp "Young Village" nach Kroatien.

Eingereicht werden durften Beiträge als:

Ob der Beitrag als Einzelarbeit oder im Team entstand, war den Teilnehmern freigestellt. Als Einsendeschluss für die Beiträge galt Ende Februar 2010. Ab Mitte März des Jahres waren die Beiträge auf der ursprünglichen typ2020.de zu sehen. Neben der Preisvergabe durch eine Jury, gab es zusätzlich einen Publikumspreis zu gewinnen.

Wie war es früher - 60er bis 70er in Deutschland

Jungs gingen früher bei einer ortsansässigen Firma in die Lehre. Lehrstellen, in zumeist handwerklich ausgerichteten Berufsbildern, gab es buchstäblich an jeder Ecke. Die Auftragslage der Betriebe war ausgesprochen gut. Es herrschte in Deutschland Vollbeschäftigung. Eine hohe Schulbildung oder gute Noten waren für die Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht wichtig.

Jede Hand konnte gebraucht werden, vor allem, wenn sie nichts kostete. In den 60er Jahren waren Ausbildungsvergütungen, die der Auszubildende erhielt, nicht durchgängig üblich. Die Eltern waren froh, dass sie kein Geld für die Ausbildung zahlen mussten. Der Spruch, wenn einmal etwas "daneben geht" - Lehrgeld zahlt jeder - leitet sich aus dieser Zeit noch ab.

In den meisten Regionen lernten die Jungs Elektriker, Tischler, Schreiner oder Maurer. In Ballungsräumen, mit großen Arbeitgebern, kamen Industrieberufe im großen Umkfang hinzu. Beispielsweise Hauer im Bergbau oder Maschinenbauer. In vielen Berufen reichte es zum auskömmlichen Lebensunterhalt sogar, "nur" angelernt zu werden.

Familieneinkommen vor 1970 - Mann als Hauptverdiener

Nach der Ausbildung spätestens war die berufliche Zukunft eines Mannes gesichert. Er wurde vom Ausbildungsbetrieb übernommen und verdiente im ehemaligen Lehrbetrieb ein auskömmliches sicheres Familieneinkommen. Viele durften bis zur Rente dem Unternehmen treu bleiben. Wer vor 1970 arbeitslos wurde, hatte entweder großes Pech, ließ sich etwas zuschulden kommen oder war schlicht faul.

Das Nettoeinkommen des Einzelnen war zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicher und hoch. Es reichte aus, wenn nur ein Familienmitglied in Vollzeit arbeitete, damit es der Familie an nichts fehlte. Das Einkommen der Frau war "zusätzlich". Es diente ausschließlich dazu, um sich ein noch besseres Auto oder ein noch schöneres Haus leisten zu können.

Frauen verdienten in der damaligen Zeit, für vergleichbare Arbeit, deutlich weniger Geld. Im Hinblick auf das Familieneinkommen war die Einkommensungerechtigkeit zu verschmerzen. So unglaublich, wie es heute klingen mag, es war "nur" ein Zubrot. Für das auskömmliche Leben mit bescheidenem Luxus spielte es keine Rolle.

Klassische Rollenverteilung - er im Männerberuf, sie zu Hause

Fast logisch ergab die familiäre Einkommensstruktur die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Er arbeitete in der Regel 6 Tage die Woche. Die tägliche Arbeitszeit in vielen Berufen lag deutlich über 8 Stunden. Wer schon einmal einen Tag auf einer Baustelle gearbeitet hat, ohne moderne technische Hilfsmittel, kann sich den harten Arbeitsalltag vorstellen.

Werden Bilder der 60er gezeigt, wie sie ihm die Pantoffeln bringt, hat das nur begrenzt, mit geschlechtlicher Diskriminierung zu tun. Die meisten Männer waren körperlich einfach zu müde. Sie konnten schlicht nicht mehr den Clown für die Kinder spielen oder sich im Haushalt nützlich machen.

Hinzu kam, dass die Frauen der damaligen Zeit, aus ihrem Rollenverständnis "ihn" im Haushalt auch nicht unbedingt wollten. Sie sahen es als ihre Rolle an, den Verdiener wenigstens zu Hause ein wenig zu verwöhnen. Im Gegenzug konnte er sie mit seinem Verdienst nicht nur ernähren, sondern vollständig absichern.

Soziale Absicherung der 60er Jahre Familie

Arbeitslos wurde der Hauptverdiener nur in seltenen Ausnahmefällen. Berufsbiografien verliefen durchgängig, ohne Ausfallzeiten, durch längere Arbeitslosigkeit. Angst vor dem sozialen Abstieg musste niemand haben. Falls die Arbeitslosigkeit eintrat, war über das Arbeitsamt in kürzester Zeit, ein neuer Job zu finden.

Im seltenen Fall der Unvermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, zahlte das Arbeitsamt 56 Prozent des letzten Einkommens. Dieses leistungslose Einkommen sicherte die Menschen, vor wirtschaftlichen Risiken, die nicht auf gesundheitlichen Problemen basierten. Zur Not wurde Arbeitslosenhilfe bis zur Rente gezahlt.

Wer krank wurde, in seinem erlernten Beruf nicht mehr arbeiten konnte, wurde Frührentner. Sogar die Frührente reichte spielend, sich selbst und die Familie zu ernähren. Alle Renten der damaligen Zeit wurden vom Bruttolohn berechnet. Zuzahlungen beim Arzt oder für Medikamente, die gab es damals nicht.

Altersrenten - Rente eines Verdieners für zwei

Altersrenten reichten, in Rente gingen die meisten mit Anfang 60, spielend für einen würdevollen gemeinsamen Ruhestand. Ob die Frau selbst in die Rentenkasse eingezahlt hatte oder nicht, spielte für die auskömmliche Rente keine Rolle. Seine Rente reichte praktisch immer für beide. Im seltenen Fall einer Scheidung wurde ihr ein eigener auskömmlicher Rentenanteil angerechnet.

Die Jahre des Babybooms zeigen, dass die klassische Rollenverteilung durchaus ein hohes Rentenniveau rechtfertigte. "Die Deutschen" reproduzierten sich nicht nur, sondern es wurden mehr Kinder geboren, als Alte starben. Statistisch überlebte sie ihn, was aber ebenfalls nicht zu finanziellen Problemen führte.

Das Sterbegeld reichte für die Beerdigung aus. Ihre Witwenrente, bei damaligem Rentenniveau und dem ihr zustehenden Anteil, für ihren Ruhestand in Würde. Nicht mehr funktionierte das System, ab etwa 1970. Die 68er gingen auf die Straßen. Immer mehr Frauen entschieden sich für eine eigene Berufslaufbahn. Sie verlangten selbstverständlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Die soziale Stellung der Hausfrau und Mutter verlor ihren Wert in der öffentlichen Wahrnehmung. Zeitgleich kam die erste Welle der Arbeitslosigkeit. Sowohl die Einkommenssicherheit über ein Einkommen als auch die soziale Absicherung nahmen kontinuierlich ab. Haushalte, die es sich leisten können, dass nur einer in Vollzeit arbeitet, wurden vom Lebensmodell der Massen zur exotischen Ausnahme.

Arbeit im Wandel der Zeit

Der kleine Ausflug in die Vergangenheit ermöglicht es jungen Menschen, den Umfang des gesellschaftlichen Wandels leichter einzuschätzen. Mit dem Blick eines Teenagers auf die eigene Familie werden sich zahlreiche Unterschiede feststellen lassen. Es fängt bereits damit an, dass etwa 50 Prozent aller Ehen geschieden werden.

Frauen, die nicht nach einem eigenen Beruf streben, gehen ein gigantisches Armutsrisiko ein. Nur, wenn der Partner ein außergewöhnlich hohes Bildungsniveau erreichte und einen gut bezahlten Job hat, reicht sein Einkommen zum Leben. In jeder durchschnittlichen Familie müssen beide Elternteile arbeiten, damit das Familieneinkommen zur sozialen Teilhabe ausreicht.

Ehe - keine Bestandsgarantie für Familien

Trotzdem ist sogar im Fall eines gut verdienenden Haupternährers nicht unbedingt das Auskommen bis zur Rente gesichert. Etwa 50 Prozent aller Ehen scheitern. Gingen Kinder aus der Ehe hervor, werden voraussichtlich beide geschiedenen Partner und die Kinder leiden. Ein Einkommen reicht oft nicht, Unterhalt zu zahlen und sich selbst auskömmlich zu ernähren.

Für den alleinerziehenden Expartner ist es noch schwieriger. Mit Kindern in Vollzeit zu arbeiten, ist nur eingeschränkt möglich und sinnvoll. Trotz verschiedener staatlicher Hilfsangebote leiden die Kinder mit ihren Zukunftsperspektiven, wenn zu Hause kein Elternteil wartet. Es ermangelt den Kindern an Anleitung, um etwas "Sinnvolles" mit der Freizeit zu tun.

Es fehlt zusätzlich das Geld, um diesen Kindern, eine ausgeglichene Freizeit mit Sport, musischer Ansprache, ... zu bieten. Ist das Geld durch den Vollzeitjob gewährleistet, scheitert es im nächsten Schritt am Fahrer. Niemand ist passend zu Hause, der den Nachwuchs zum Bolzplatz oder in die Musikschule fährt.

Berufsangebote - typisch männliche Berufe sterben aus

Neben den gesellschaftlichen Veränderungen, durch die schrittweise Auflösung klassischer Familienstrukturen, veränderte sich der Arbeitsmarkt. Klassische Männerberufe sind immer weniger gefragt. Zum einen übernimmt die Automation einen Großteil der Arbeiten, die früher dem "starken" Geschlecht vorbehalten waren.

Körperstärke als Auswahlkriterium hat heute kaum noch einen Stellenwert bei der Bewerberauswahl. Zusätzlich verlagerten sich viele klassische Männerberufe ins Ausland. Der Industriestandort Deutschland wurde sein Ende der 80er Jahre immer mehr in den Dienstleistungsstandort Deutschland umgebaut.

Importierbare Arbeitskraft, in Form des Fertigproduktes ist einfach billiger, als in Deutschland zu produzieren. "Noch" ausgenommen davon sind voll automatisierbare Industrien. Für das klassische männliche Berufsbild lässt sich daraus kaum ein Vorteil ableiten. Maschinen zu programmieren und anschließend noch ein Knöpfchen zu drücken, dazu benötigt niemand Muskelkraft.

Berufsbilder verschwimmen - geschlechtsneutrale Berufswahl

Der Unterschied zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Berufsbildern wird immer geringer. Frauen haben die Männerberufe, die für die sie sich interessieren, längst erobert. Für Arbeitgeber hat die Beschäftigung von Frauen, statt gleichermaßen qualifizierter Männer, sogar Vorteile. Sie müssen zunehmend eine Frauenquote einhalten.

Vorteile Frauen einzustellen haben Unternehmen aber nicht nur durch die Quotenregelung. Leider sind Frauen immer noch nicht so gut bezahlt wie Männer. Der Arbeitgeber bekommt also die gleiche Arbeitsleistung zum geringeren Preis. Kommt es auf Präzision an, Deutschland ist Exportweltmeister der Qualität, arbeiten Frauen sogar mehrheitlich besser als Männer.

Der Nachweis lässt sich ganz einfach führen, wenn ein Blick in die Hightechzentren Asiens gewagt wird. Kontrollaufgaben in der Produktion und Qualitätssicherung übernehmen dort vorwiegend Frauen. Sie verdienen sogar häufig mehr damit, das Männer in den typischen Männerberufen. Ein Beispiel dazu aus den Philippinen, eine Arbeiterin in der QS von Samsung verdient ungefähr das Doppelte eines guten Tischlers.

Männer müssen beruflich flexibler werden

Längst wäre es an der Zeit, politisch die Männerquote in bestimmten Frauenberufen zu fordern. Initiativen, wie Typ2020, dürfen nur ein Anfang bleiben. Arbeitsbereiche der Zukunft werden in Deutschland klassische Frauenberufe sein. Dazu zählt beispielsweise die Pflege. Der Pfleger und die Krankenschwester werden sich zahlenmäßig annähern.

Wichtig ist für nachfolgende Männer außerdem, in musischen Bereichen aufzuholen. Klassische Mathematik und Physik als Stärken reichen nicht mehr aus. Für die Bewerbung werden nicht mehr die harten Skills den Ausschlag geben. Soft Skills, mit denen die Frauen bei Arbeitgebern punkten, gehören ebenso in den männlichen Lebenslauf.

Nicht der harte Mann, der mit blanker Faust seine Gegner aus dem Feld schlägt, ist der "Held der Zukunft". Es ist der Soft Skill, die Erfahrung eine Gruppe Jugendlicher in die Ferien zu begleiten, die zählen werden. Parallel dazu dürfen sich Männer auf neue Rollenverteilungsmuster innerhalb der Familie einrichten.

Rollenverteilung innerhalb der Familie - Teamwork ist gefragt

Im Jahr 2020 werden die wenigsten jungen Familienväter als gestresster Alleinverdiener mit reichlich Überstunden erschlafft in den TV-Sessel fallen. Ein paar alte Rüpel wird es bestimmt noch geben. Die Realität wird immer mehr Arbeitsteilung in jeder Beziehung sein. Junge Frauen sind längst emanzipiert. Sie wissen, dass sie nicht auf den Mann als Ernährer, bauen können.

Das Familieneinkommen dauerhaft allein bestreiten können, wird außerdem kaum noch ein durchschnittlich verdienender Mann leisten können. Es ist unter dieser Perspektive nicht einzusehen, wenn beide arbeiten, dass einer dem anderen die Pantoffeln hinterherträgt. Aus welchem Grund auch. Müde vom Job werden beide sein.

Ob junge Menschen sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt Kinder anschaffen oder eine dauerhafte Partnerschaft eingehen, ist keine Selbstverständlichkeit. - Die Altersschwelle für den Kinderwunsch steigt beständig. Singlehaushalte nehmen zu. Aber, wer zusammen sein Leben gestalten möchte, der wird sich die Haus- und Erziehungsarbeit teilen.

typ2020.de - Appell an die Politik

Die Gegenwart stellt an die Bundesrepublik Deutschland viele politische und soziale Anforderungen. Viele politisch gewünschte Maßnahmen sind sehr teuer. Trotzdem darf das Geld nicht aus Projekten abgezogen werden, die dazu anregen, sich eingehender mit der persönlichen Zukunft zu beschäftigen.

Projekte, wie "Mann sein im Jahr 2020", um männlichen Nachwuchs gezielt anzusprechen, wurden schon immer stiefmütterlich behandelt. - Dabei betrifft es 50 Prozent unserer Jugend. Nachfolgeprojekte sollten nicht der Haushaltsdisziplin zum Opfer fallen, sondern gleichberechtigt zu den Projekten für Frauen gefördert werden.